Wärmedämmfarbe ersetzt keine Dämmung
Das Institut für angewandte Bauphysik in Winterthur hat 2017 beide beworbenen Wirkungen einer Dämmfarbe nachgerechnet und das Ergebnis im Verbandsheft Applica des SMGV veröffentlicht: Dämmfarben ersetzen die herkömmliche Gebäudedämmung nicht. [1] Höchstens rund 7 Prozent weniger Wärmestrom ergibt seine Rechnung, und das nur unter einer Annahme, die der Artikel selbst als unrealistisch bezeichnet. [1]
Redaktionell geprüft: 14. August 2026
Was die Rechnung ergibt und was auf dem Merkblatt fehlt
- bis zu 40 Prozent | Einsparung, mit der laut dem Artikel für Beschichtungen mit luftgefüllten Hohlkügelchen geworben wird [1]
- rund 7 Prozent | höchste Reduktion des Wärmestroms in der Berechnung des Instituts, für 100 Mikrometer Schichtdicke und 10 Grad Temperaturunterschied darüber [1]
- 1,55 gegen 0,20 W/(m²K) | U-Werte, die der Artikel für 2 Millimeter Dämmfarbe und für 180 Millimeter Mineralwolle bei gleicher Wärmeleitfähigkeit gegenüberstellt [1]
- kein Wert | im Merkblatt zu ThermoShield Exterieur fehlen Wärmeleitfähigkeit, U-Wert und jede Angabe zur Einsparung, Blattstand 08/2015 [2]
Was ein Winterthurer Institut nachgerechnet hat
Der Schweizerische Maler- und Gipserunternehmer-Verband druckt in seinem Verbandsheft Applica, Ausgabe 5/2017, einen Artikel unter dem Titel «Anstriche können eine Dämmung nicht ersetzen». Geschrieben haben ihn Thomas Stahl und Karim Ghazi Wakili vom Institut für angewandte Bauphysik in Winterthur, das die Berechnungen dazu selbst geführt hat. [1] Wofür der Verband sonst zuständig ist, steht unter SMGV.
Geprüft werden zwei Wirkungen, für die geworben wird. Die erste sind luftgefüllte Hohlkügelchen aus Keramik oder Glas, die der Farbe beigemischt werden. Der Artikel gibt das Versprechen dazu wieder: Damit «sollen Energieeinsparungen von bis zu 40 % möglich sein». [1] Seine eigene Simulation kommt auf eine andere Grössenordnung. Für eine Farbschicht von 100 Mikrometern mit luftgefüllten Poren heisst es dort, «bestenfalls konnte eine Reduktion des Wärmestroms von zirka 7 % erreicht werden», und dieser Wert stellt sich erst bei einem Temperaturunterschied von 10 Grad über eben diese Schicht ein, den der Artikel als unrealistisch hoch einordnet. [1]
Die sieben Prozent gelten einer 100 Mikrometer dünnen Schicht in einer Simulation, unter einem Temperaturunterschied, den die Quelle selbst als unrealistisch bezeichnet. [1]
Das Fazit des Artikels fällt in einem Satz: «Sogenannte Dämmfarben ersetzen die herkömmliche Gebäudedämmung nicht.» [1] Gedruckt hat ihn das Verbandsorgan des Schweizer Malergewerbes, geschrieben haben ihn zwei namentlich genannte Bauphysiker eines Schweizer Instituts. [1]
Zwei Millimeter gegen achtzehn Zentimeter
Wie gross der Abstand ist, zeigt eine zweite Rechnung derselben Quelle. Sie nimmt eine im Internet beworbene Dämmfarbe mit 2 Millimetern Trockenschichtstärke und einer Wärmeleitfähigkeit von 0,04 W/(mK) und kommt auf einen U-Wert von 1,55 W/(m²K). Daneben steht ein Aufbau mit 180 Millimetern Mineralwolle, dem dieselbe Wärmeleitfähigkeit zugerechnet wird, mit einem U-Wert von 0,20 W/(m²K). [1] Das Verhältnis der zwei Zahlen ist knapp das Achtfache; diese Division ist die Lesart dieser Redaktion, die zwei U-Werte stehen in der Quelle.
Der Artikel dreht die Rechnung dann um. Damit die Farbe bei 2 Millimetern denselben U-Wert erreichte, müsste ihre Wärmeleitfähigkeit bei 0,00045 W/(mK) liegen, und das sei «fast um den Faktor 90 niedriger als angegeben». [1] Zum Massstab nennt er den Stand der Technik: Vakuumisolationspaneele liegen bei 0,007 W/(mK). [1] Der geforderte Wert läge also unter dem des besten Dämmstoffs, den die Quelle kennt.
Was an einer Aussenwand tatsächlich dämmt, ist ein Bauteil und kein Anstrich; wie es in der Schweiz heisst und welche Varianten bei einer Renovation zur Wahl stehen, steht unter Aussenwärmedämmung. Dort steht auch, wie der Verband die Variante bewertet, die nur einen neuen Anstrich vorsieht. Diese Seite wiederholt seinen Wortlaut dazu nicht.
Zwei deutsche Arbeiten im selben Artikel
Neben der eigenen Berechnung zitiert der Artikel zwei Arbeiten aus Deutschland. Beide sind hier Zitate zweiter Hand: Die Originale liegen dieser Redaktion nicht vor, und Prüfaufbau und Stichprobe sind damit ungeprüft. [1]
Die erste entstand 2006 an der Universität Hannover und hatte ausdrücklich das Erzeugnis ThermoShield zum Gegenstand, das auch in der Schweiz vertrieben wird. Der Artikel gibt ihr Ergebnis so wieder: «Damals konnte kein Effekt gegenüber einer handelsüblichen Fassadenfarbe festgestellt werden.» [1]
Die zweite stammt von 2007 vom deutschen Fraunhofer-Institut für Bauphysik und betrifft die zweite beworbene Wirkung, die Wasserabweisung. Durch die Hydrophobierung der Fassaden habe sich der Gesamtheizwärmeverbrauch des Gebäudes «um rund 4,5 % vermindert», und der Artikel ordnet das selbst ein: «Das ist leider zu wenig, um hier von einer effektiven Gebäudedämmung zu sprechen.» [1] Eine Empfehlung für oder gegen eine Hydrophobierung folgt daraus nicht und steht hier auch nicht.
Ein deutsches Merkblatt ohne Dämmwert
Ein Erzeugnis lässt sich benennen. ThermoShield Exterieur wird in der Schweiz vertrieben, unter anderem über TSfarben in Dintikon AG, wo auch das Technische Merkblatt liegt; im Handelsregister steht dazu die Thermo Shield (Schweiz) GmbH in Burg AG mit dem Zweck «Verkauf und Vertrieb von thermokeramischen Beschichtungssystemen». [2][3] Herausgeberin des Merkblatts ist die SICC GmbH in Berlin, also ein deutscher Hersteller, und das Blatt trägt den Stand 08/2015. [2]
Beschrieben wird das Produkt darin als «anwendungsfertige Fassadenbeschichtung, auf Basis der Thermokeramischen Membran-Technologie», mit «energetischen Anwendungsbereichen im sommerlichen sowie im winterlichen Wärmeschutz» und mit der Eigenschaft «thermisch beruhigend». [2]
Was das Blatt an Zahlen führt, gehört zur Oberfläche. Unter den Materialkenndaten stehen sd-Werte, die Dichte, die Brandstoffklasse, ein Glanzgrad und eine Nassabriebklasse. Eine Wärmeleitfähigkeit, einen U-Wert oder eine Prozentzahl zur Energieeinsparung nennt es an keiner Stelle. [2] Das einzige in der Schweiz vertriebene Erzeugnis mit auffindbarem Merkblatt beziffert seine Dämmwirkung also selbst nicht.
Dasselbe Produktsystem war Gegenstand der Arbeit von 2006, die der Schweizer Artikel zitiert. [1] Ob das damals untersuchte Erzeugnis mit dem heute vertriebenen identisch ist, sagt keine der beiden Quellen, und diese Seite behauptet es nicht.
In den Schweizer Fassadendokumenten kommt das Wort nicht vor
Für dieses Lexikon ist ein Bestand an Schweizer Fassadenunterlagen im Volltext ausgewertet worden: acht Merkblätter des SMGV, vier Technische Merkblätter zweier Schweizer Hersteller und die Dübelrichtlinie des Verbands V-WDVS. In keinem dieser Dokumente kommt der Begriff Wärmedämmfarbe vor. [4] Auch ein Schweizer Herstellermerkblatt, das für eine Dämmfarbe einen geprüften Wert nennt, ist bei der Suche vom 14. August 2026 nicht aufgetaucht. [5]
Ausgeschlossen ist damit kein einziges Erzeugnis. Der Nichtfund sagt allein, dass das Schweizer Regelwerk und die geprüften Schweizer Herstellerunterlagen den Begriff nicht führen, während der einzige Beleg zur Sache aus einem Verbandsartikel stammt, der die beworbene Wirkung nachrechnet und ihr die Grössenordnung einer Dämmung abspricht. Wie derselbe Bestand mit einer anderen unbelegten Zusage an derselben Wand umgeht, steht unter Selbstreinigende Fassade.
Offengelegte Schwächen
Quelle 1 und Quelle 2 wurden am 14.08.2026 als PDF abgerufen und im Volltext gelesen. Quelle 3 ist eine Auskunftsseite und dient allein der Existenzbestätigung. Die Quellen 4 und 5 sind dokumentierte Nulltreffer. Scharfes S ist nach der Schreibregel dieses Projekts durch ss ersetzt, der Wortlaut sonst unverändert übernommen; die Prozentzeichen und Masseinheiten stehen wie in den Quellen.
- Der Sachkern hängt an einer einzigen unabhängigen Quelle. Sie ist Schweizer, fachlich gezeichnet und datiert, aber sie ist die einzige.
- Die Berechnungen dieser Quelle sind Modellrechnungen und keine Messungen an einem Gebäude. Die Annahmen stehen im Text.
- Die zwei zitierten Studien sind deutsch und liegen nur über die Schweizer Quelle vor.
- Der tragende Artikel stammt von 2017, das Herstellermerkblatt von 2015. Ob seither ein Erzeugnis mit geprüftem Wert dazugekommen ist, wurde nicht geprüft.
Dieser Eintrag bewertet kein Erzeugnis. Er gibt wieder, was ein Schweizer Bauphysikinstitut gerechnet hat und was ein Herstellermerkblatt nennt und nicht nennt. Wer für sein Haus eine energetische Massnahme plant, holt dafür eine bauphysikalische Beurteilung ein; die Zahlen dieser Seite ersetzen sie nicht.
Woran du eine Dämmzusage im Angebot prüfst
Ob das Wort auf deinem Angebot steht oder im Gespräch fällt, ändert an der Prüfung nichts. Der Artikel nennt die Wendungen, bei denen er zur Vorsicht rät, wörtlich: «Einzigartig», «eigene Untersuchungen bestätigten» und «enorme Kosteneinsparung». [1] Wo eine davon fällt, hilft die Rückfrage nach dem Namen des Erzeugnisses und nach seinem Merkblatt.
Auf dem Blatt entscheidet sich dann, ob eine Zahl dahintersteht. Eine Wärmeleitfähigkeit in W/(mK) oder ein U-Wert in W/(m²K) macht die Zusage nachrechenbar; fehlt beides, bleibt ein Anstrich, der mit Wärmeschutz beworben wird. Was eine Fassadenfarbe stattdessen an Kennwerten mitbringt, also den sd-Wert für den Wasserdampf und den w-Wert für das Wasser, steht unter Fassadenfarbe.
Und wenn dein Haus bereits eine gedämmte Fassade hat, hängt am Anstrich eine andere Grenze, nämlich die für dunkle Farbtöne; sie steht unter Hellbezugswert, und die Norm dahinter unter SIA 243. Ein Anstrich bleibt in beiden Fällen ein Anstrich; was er zusätzlich leisten soll, muss auf seinem Blatt stehen.
Verwandte Begriffe
- Schallschutzfarbe: Schallschutzfarbe oder Akustikputz
- Fassade streichen: Der Fassadenanstrich und das Gerüst sind zwei Posten
- Silikonharzfarbe: Silikonharzfarbe, der Anteil ohne Schweizer Norm
- Minergie-Eco und Farbwahl: Minergie-ECO bei einer Farbe ist eine Herstellerangabe
Quellen
- SMGV Schweizerischer Maler- und Gipserunternehmer-Verband: Verbandsheft «Applica», Ausgabe 5/2017, Artikel «Anstriche können eine Dämmung nicht ersetzen», Text Thomas Stahl und Dr. Karim Ghazi Wakili, Institut für angewandte Bauphysik IABP, Winterthur, 6 Seiten. Schweizer Fachverband, Verbandsorgan, Beitrag eines Schweizer Bauphysikinstituts. Die U-Wert-Rechnung, die Simulation und der 7-Prozent-Wert sind Berechnungen dieses Instituts und keine Messungen an einem Gebäude. Sekundärzitate: Die Arbeit der Universität Hannover von 2006 (Fouad, Dorow, Richter, in: Bauphysik 28) und die Untersuchung des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik von 2007 sind dort wiedergegeben; beide sind deutsche Arbeiten und wurden für diesen Eintrag nicht im Original beschafft.
- SICC GmbH, ThermoShield Europa, Wackenbergstrasse 78 bis 82, 13156 Berlin, Deutschland: Technisches Merkblatt «ThermoShield Exterieur», Stand 08/2015, 1 Seite, abgerufen über den Schweizer Vertriebspartner TSfarben, Lindenweg 9, 5606 Dintikon AG. Herstellerangabe eines deutschen Herstellers zu einem benannten Erzeugnis, das in der Schweiz vertrieben wird. Verwendet sind die Produktbeschreibung, die Eigenschaftenliste und der Umstand, dass die Materialkenndaten keine Wärmeleitfähigkeit, keinen U-Wert und keine Einsparungsangabe führen. Das Blatt wurde für diesen Eintrag nicht auf Verarbeitungsangaben ausgewertet.
- Handelsregisterdaten zur Thermo Shield (Schweiz) GmbH, Niederwilerstrasse 35, 5736 Burg AG: eingetragen 2002, Zweck «Verkauf und Vertrieb von thermokeramischen Beschichtungssystemen», abgefragt am 14.08.2026 über kommerzielle Auskunftsdienste. Sekundärquelle, kein Fachdokument. Hier allein als Beleg dafür verwendet, dass das Erzeugnis in der Schweiz vertrieben wird. Über Eigenschaften des Produkts sagt sie nichts.
- Eigene Recherche, dokumentierter Nulltreffer, Stand 13.08.2026: Gesucht wurde der Begriff Wärmedämmfarbe im Volltext der Fassadenunterlagen, die für die Faktengrundlage dieses Eintrags ausgewertet wurden: acht Merkblätter des SMGV, vier Technische Merkblätter der Bosshard-Farben AG und der Greutol AG sowie die Dübelrichtlinie des Verbands V-WDVS. Kein Treffer. Die Erhebung spricht von elf Dokumenten, zählt an derselben Stelle aber dreizehn Titel auf; deshalb steht im Text keine Gesamtzahl, sondern die Gruppen. Aus einem Nulltreffer in diesem Bestand folgt nicht, dass der Begriff in der Schweiz unbekannt ist; es folgt, dass diese Dokumente ihn nicht führen.
- Eigene Recherche, dokumentierter Nulltreffer, 14.08.2026: Gesucht wurde ein Merkblatt einer Schweizer Herstellerin zu einer Dämmfarbe oder Thermofarbe mit einer geprüften, bezifferten Angabe zur Dämmwirkung. Nicht gefunden. Aufgefunden wurde allein das Blatt unter Quelle 2, dessen Herausgeberin deutsch ist und das keinen solchen Wert nennt.
Stand und Verantwortung
Inhaltlich geprüft am 14. August 2026. Verantwortlich: Redaktion malerofferte.ch.
In eigener Sache
Ein Fassadenanstrich ist für uns ein Auftrag, eine Gebäudedämmung nicht: Wir vermitteln Anfragen an Malerbetriebe und werden dafür bezahlt. Diese Seite rät trotzdem dazu, die energetische Frage vor der Farbfrage zu klären, und sie nimmt damit dem Anstrich das Argument, mit dem er sich am besten verkaufen liesse.
Wenn dir jemand einen Anstrich mit Wärmeschutz anbietet, lass dir das Erzeugnis mit Namen in die Offerte schreiben, dann liegt sein Merkblatt in Reichweite. Über malerofferte.ch fragst du Betriebe deiner Region an und siehst beim Nebeneinanderlegen, wer ein Produkt nennt und wer bei der Zusage bleibt.
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